Moosend

Weihnachtszeit ist E-Mail-Zeit

Es gab Zeiten, da musste der Weihnachtsmann noch Säcke voll mit künftigem Altpapier durch die Gegend schleppen – diese Zeiten sind lange vorbei. Man ist fast überrascht, wenn man noch eine handgeschriebene Postkarte bekommt. Heute geht alles per E-Mail. Mit über 43 Jahren auf dem Buckel gilt die gute alte E-Mail zwar im Zeitalter der Social Media und Messenger schon als etwas angestaubt, ist aber bis heute wohl das effektivste Marketing-Instrument (siehe z. B. http://blog.custora.com/2013/06/e-commerce-customer-acquisition-snapshot/).

Neben der Tatsache, dass ich (natürlich) auch E-Mail nutze, bin ich ein großer Fan von E-Mail-Verteilern. Das mag bei der heutigen Informationsflut zwar etwas schräg sein, aber wenn mich ein Blog, ein Thema oder ein Unternehmen interessiert, dann abonniere ich gerne den Newsletter (kann man hier übrigens auch machen: einfach oben rechts die E-Mail eingeben. Kein Spam, garantiert! ;-).

So habe ich das auch bei vielen der griechischen Unternehmen und Startups gemacht, die ich hier beschrieben habe. Dabei ist mir aufgefallen, dass gefühlte 50 % dieser Unternehmen eine Tool namens Moosend nutzen, um mir ihre Updates zu schicken.

Professionalisierung des E-Mail-Versands

Startseite_Moosend

Da ich gerade selbst auf der Suche nach einem moderneren Tool war, um den E-Mail-Versand für unser Produkt GIS 2go zu professionalisieren, habe ich mir Moosend etwas genauer angeschaut. Und siehe da (wen wundert’s noch): Hinter Moosend steckt ein griechisches Gründerteam. Panos Melissaropoulos und Yannis Psarras habe das Unternehmen am Rande des Startup-Hypes still und leise und ohne externe Finanzierung aufgebaut und gehen damit erfolgreich in direkte Konkurrenz zu Größen wie Mailchimp  und vermutlich hunderten anderen. Und sie machen es gut.

Die Auswahl der E-Mail-Verteiler und den E-Mail-Versand selbst machen sie wie alle anderen, aber „wir haben ein besonderes Augenmerk auf API-Integration und Analyse-Funktionen gelegt“, so Panos. Als zentrales Marketing-Instrument muss auch der E-Mail-Versand möglichst direkt in die Prozesse eines Unternehmens eingebaut werden. Dazu kommen umfangreiche Analyse-Funktionen und Methoden zum A/B-Test der E-Mails, die einem helfen, die Kampagnen zu überwachen und zu optimieren. Ein Traum für jeden Marketeer!

Ich denke, damit ist eigentlich schon alles gesagt. Einfach selbst mal ausprobieren unter www.moosend.com.

Ich wünsche euch ein frohes Fest mit vielen E-Mails von euren Liebsten.

100mentors

Professionalisierung des Netzwerkens

Wo will ich hin und wie kann ich das erreichen? Diese Frage haben wir uns in Bezug auf unsere berufliche Karriere sicher alle schon gestellt. Das betrifft die Wahl unserer Universität ebenso wie weitere Schritte auf dem Weg zu unserem Ziel. Persönliche Interessen sollten dabei natürlich eine große Rolle spielen. Aber oft sind es auch Zufälle, das persönliche Netzwerk oder einfach nur der sanfte Druck von Freunden und Verwandten, die ausschlaggebend für unsere Zukunft sind. Kein Wunder, dass es so viele Juristen- oder Ärzte-Dynastien gibt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Was ist aber, wenn der Apfel spürt, dass er lieber in der Nähe eines ganz anderen Stamms landen würde? Was ist mit Leuten, die kein privates oder familiäres Netzwerk haben, das ihnen den Weg ebnen kann?

Mit deinem zukünftigen Ich reden

Hat man eine Vision für sein Leben in 5 oder 10 Jahren, die sich außerhalb seines aktuellen Umfelds abspielt, so ist es naheliegend, sich mit jemandem zu unterhalten, der bestimmte Entscheidungen im Leben getroffen hat, die ihn dahin gebracht haben, wo er jetzt ist und wo man selbst gerne sein würde. Quasi mit seinem Stellvertreter in der Zukunft. Dabei helfen klassische Plattformen für soziale Netzwerke nur wenig, oder warum sollte ein leitender Android-Entwickler bei Google oder ein Raketenforscher bei der NASA sich Zeit nehmen, um sich mit mir zu unterhalten?

Mentoren und Mentees zusammenbringen

100mentors_Startseite

Das griechische Startup 100mentors zielt darauf ab, Mentoren aus unterschiedlichen akademischen und Wirtschaftsbereichen mit sogenannten Mentees, also Beratungssuchenden, zusammenzubringen. „Als Mentor kann sich im Prinzip jeder bewerben, der eine berufliche oder akademische Karriere hat und sein Wissen an Dritte weitergeben möchte“, so Yiorgos Nikoletakis, einer der Gründer von 100mentors. „Um sicherzustellen, dass das Angebot seriös und für die Mentees interessant ist, haben wir einen Prüfprozess, den jeder Kandidat durchläuft, bevor er als Mentor aufgenommen wird“, so Yiorgos weiter. Neben seinem Profil gibt der Mentor an, welche Dienstleistungen er anbietet und für welche Kosten.

Man muss sich 100mentors wie einen Marktplatz für Erfahrungen vorstellen. Das Angebot können beispielsweise einfache Unterhaltungen sein oder konkrete Unterstützung bei der Vorbereitung von Bewerbungen. 100mentors vermittelt Interessenten (Mentees) passende Mentoren und übernimmt die finanzielle Abwicklung. Am Ende des Prozesses steht neben der Abrechnung natürlich auch die Bewertung der Leistung.

Warum machen Mentoren mit?

Dass Karriereanfänger daran interessiert sind, mit Personen aus ihrem zukünftigen Umfeld zu sprechen, ist verständlich. Aber warum machen Mentoren mit, die teilweise schon erfolgreiche Berufslaufbahnen hinter sich haben? „Der Hauptgrund für die Teilnahme der Mentoren ist der Wunsch, ihr Wissen und ihre Erfahrungen weiterzugeben“, so Yiorgos Nikoletakis. Dazu kommen die Neugier und das Interesse, Personen zu treffen, die vielleicht in ein paar Jahren Kollegen sein werden. Oft wird die Plattform auch als Vorbereitung für das Recruiting genutzt. Man hat die Möglichkeit, interessante Personen kennenzulernen, ihnen zu helfen und wer weiß, vielleicht auch für das eigene Unternehmen zu interessieren. Die Bezahlung scheint dabei eine geringere Rolle zu spielen, da die meisten Mentoren genug verdienen. Wenn überhaupt ist die Bezahlung eher eine Art zu gewährleisten, dass es sich um seriöse und gut vorbereitete Anfragen handelt.

Hintergrund zum Unternehmen und Geschäftsmodell

100mentors wurde im Mai 2014 gegründet, allerdings haben die drei Gründer schon im Vorfeld 2 Jahre auf die Gründung hingearbeitet. Den Anfang machten kleinere Eigeninvestitionen sowie Angel-Investoren aus Griechenland. Inzwischen besteht das Team aus neun Mitarbeitern. Übrigens hat das Team eine starke deutsche Beteiligung. Gleich zwei der neun Team-Mitglieder sind Deutsche, der CTO Miltiadis Zeibekis und die Community-Managerin Cathrin Schriever. Aktuell verhandeln sie mit griechischem Venture Capital und Angel-Investoren über die erste größere Finanzierungsrunde.

100mentors foto_team in meeting_kleiner

100mentors im Team-Meeting. von links nach rechts: Timos Tokousbalides, Nassos Anagnostopoulos, Yiorgos Nikoletakis, Miltiadis Zeibekis, Thodoris Messinis. Nicht im Bild: Alex Pokatilo, Cathrin Schriever, Villy Klada, Teti Psarou, Anna Lali-Tsilidou

Obwohl die Plattform erst seit ein paar Monaten steht, haben sich schon über 500 Mentoren angemeldet und im letzten Monat wurden ca. 100 Mentees an Mentoren vermittelt. Dabei ist interessant, dass sowohl die Mentees als auch die Mentoren jetzt schon aus 40 Ländern aus der ganzen Welt kommen – und alles nur über Empfehlungen, da 100mentors mit der Vermarktung der Plattform noch gar nicht richtig angefangen hat. Ein wichtiger Baustein scheint die Zusammenarbeit mit Universitäten und großen Beratungsunternehmen zu sein. Der Schwerpunkt von 100mentors liegt aktuell vor allem in den Bereichen Technologie, Politik (internationale Beziehungen, Diplomatie) und Wirtschaft. Aber auch erste „Exoten“ fangen an, sich für die Plattform zu interessieren, wie Anfragen zu Studien zur Konservierung von Kunst zeigen.

Griechenland als optimales Gründerland

Eine Sache habe ich mir noch für den Schluss aufgehoben: Da die Gründer internationale Erfahrung besitzen und 2013 mit dem Founder Award des renommierten Deloitte Institutes der London Business School ausgezeichnet wurden, lag es eigentlich nahe, 100mentors in England zu gründen. Sie haben sich aber für Griechenland entschieden, denn: „Der hohe Ausbildungsgrad der Ingenieure in Griechenland in Kombination mit relativ niedrigen Kosten für Büros machen Griechenland zu einem optimalen Standort für uns“. Vielleicht sehen wir ja in Zukunft noch mehr Startups, die in Griechenland gründen – auch wenn deren Ideen irgendwo anders auf der Welt entstanden sind.

Das Wetter ist in Griechenland sicher auch besser als in London oder Berlin.

Vielversprechend #7: Organery

Die Zukunft des Recyclings

Da kann kein produzierendes Gewerbe mithalten: Die Staaten der Europäischen Union produzieren mehr als 2,5 Milliarden Tonnen Abfall pro Jahr, Tendenz steigend. Recycling, Grüner Punkt, Verbrennung und Energiegewinnung: Das Geschäft mit unserem Abfall boomt. Nur die Produzenten des Abfalls gehen leer aus – ich protestiere.

Dabei ist inzwischen bekannt, dass Abfall bares Geld wert ist – natürlich nur, wenn er richtig verwertet wird. Um es auf die Spitze zu treiben: Da ich zu den Produzenten von Abfall gehöre, müsste ich eigentlich auch mit der Wiederverwertung Geld verdienen können. Und nach den gültigen Marktregeln wäre mein Ansporn, zur besseren Verwertung beizutragen, wesentlich höher, wenn ich bei jedem Gang zur Mülltonne noch etwas verdienen könnte.

Intelligente Kompostierung

Organery_Startseite

Ich bin eher zufällig auf die beiden Gründer von Organery bei einem Besuch in Kalamata  gestoßen. Ein Bekannter aus meiner Facebook-Timeline hat mir empfohlen, mich mal mit Yiannis Mourgis und Ippokratis Papadimitrakos in Kalamata zu treffen. Und ich muss sagen, dass ich schwer beeindruckt bin:

Die vielversprechende Idee von Organery besteht im Wesentlichen aus zwei Komponenten: Zunächst einmal wollen sie intelligente Kompostierungsanlagen bauen, die beim Einwurf von Bio-Abfällen direkt die Qualität prüfen und die Kompostierung vor Ort durchführen. Dadurch erhöht sich die Qualität des Komposts und die Transportkosten werden reduziert, wenn die Kompostierung vor Ort und vor dem Transport stattfindet. Neben der Anlage für Bio-Abfälle haben sie noch eine für Speiseöle in der Planung, die für die Erzeugung von Bio-Kraftstoffen geeignet ist. Das ist natürlich besonders interessant für eine olivenölproduzierende und viel Olivenöl konsumierende Region wie Kalamata.

Innovation und Gamification

Der Clou ist aber meiner Meinung nach ihr Ansatz, die Bevölkerung dazu zu bringen mitzumachen: Jeder, der mitmachen möchte, muss sich identifizieren und ein kleines Online-Training durchführen. Dann bekommt er die Freischaltung auf seiner App und muss sich vor dem Einwurf authentifizieren. Wirft er etwas Ungeeignetes ein, wird er verwarnt oder der Zugang wird gesperrt und er muss sich neu prüfen lassen (wie beim Idiotentest für Autofahrer). Ist sein Einwurf qualitativ hochwertig, bekommt er Punkte gutgeschrieben, die er dann in den regionalen Supermärkten in Waren umwandeln kann.

Durch diese Kombination von intelligenter Vorortkompostierung und dem Gamification-Ansatz erhoffen sie sich nicht nur eine bessere Qualität des wiederverwertbaren Materials, sondern auch eine Sensibilisierung für die Notwendigkeit des Recyclings. Dieses Mehr an Qualität und Kosteneinsparung geben sie zu Teilen an den Bürger zurück – sodass der „Produzent“ auch etwas davon hat und motiviert ist mitzumachen.

Aktueller Stand

Die beiden Gründer von Organery haben mit ihrer Idee bereits einige Innovationspreise gewonnen und entwickeln aktuell zusammen mit einem griechischen Hersteller die ersten Prototypen, die noch 2014 fertig werden sollen. Noch ist das ganze Unternehmen selbstfinanziert und die Preise, die sie gewonnen haben, helfen auch ein bisschen. Sie sind außerdem schon im Gespräch mit einigen Gemeinden in Griechenland, die starkes Interesse zeigen und bei der Pilotierung helfen wollen.

Organery_Gründer

Es gibt gute Ideen, große Ideen und sehr große Ideen. Organery gehört mit Sicherheit zur letzten Kategorie. Ich bin mir sicher, dass so oder so ähnlich die Zukunft des Recyclings in Europa und vielleicht in der Welt aussehen wird und würde mich freuen, wenn ich in 1-2 Jahren die ersten Organery-Biotonnen in Deutschland sehen würde.

Zorba the Entrepreneur

Über Rebranding und soziales Unternehmertum

Zorba the EntrepreneurEs ist ein seltenes Phänomen, wenn eine fiktive Person aus einem Roman – und vor allem aus einem Film – das Bild eines ganzen Landes so sehr prägt, wie es vielleicht ein paar tausend Jahre Geschichte nicht können. So geschah es mit Alexis Zorbas, der Titelfigur aus dem gleichnamigen Buch von Nikos Kazantzakis, das 1946 erschien und 1964 mit Anthony Quinn verfilmt wurde. Besonders durch den Film ist Alexis Zorbas zum Sinnbild des Griechen geworden, der tanzende Lebemann, den Millionen Touristen Jahr für Jahr auf den griechischen Inseln gesucht haben und in jedem Griechen im Ausland vermeindlich wiederentdeckten.

Was an Klischee kaum noch zu übertreffen ist, aber dennoch jahrelang wohltuend für die Wirtschaft in Griechenland war, wurde mit der internationalen Finanzkriese zum echten Problem. Wie Peter Economidis schon vor zwei Jahren treffend formulierte, wurde der dionysische Lebemann Zorbas, den die Touristen im Urlaub, verkörpert durch Kostas, Yiannis, Nikos oder Giorgos, liebten (auch wenn er ab und zu den Kaffee vielleicht etwas zu teuer verkaufte) plötzlich zum Sinnbild des griechischen Betrügers und Faulenzers. Econimides nannte es, aus Marketingsicht, ein echtes Branding-Problem für ganz Griechenland.

Diese Entwicklung im Kopf, habe ich mich riesig gefreut, als ich von einer Initiative hörte, die den schillernden Namen „Zorba the Entrepreneur“ trägt. Mit dem Image des Griechen-Zorbas spielend geht es um nicht mehr und nicht weniger, als zur Image-Änderung eines ganzen Landes beizutragen, aber eben auch gleichzeitig darum, ein Unternehmen zu schaffen und soziales Unternehmertum zu unterstützen.

Hinter Zorba the Entrepreneur stecken Stathis Kassios, ein Grieche, der nach seinem Studium in Schweden mitten in der Krise zurück nach Griechenland kam, und Sheridan Tatsuno, ein Silicon-Valley-Unternehmer, Drehbuchautor und Philhellene. Wie mir Stathis erklärt, besteht die Initiative aus drei Teilen: „Sheridan Tatsuno schreibt gerade ein Drehbuch, das die fiktive Geschichte eines Diaspora-Griechen erzählt, der zurück nach Griechenland kommt, um ein Unternehmen zu gründen“. Das Thema ist als Transmedia-Projekt aufgesetzt, soll also die Geschichte über unterschiedliche Medienarten erzählen, vom Film über Soziale Medien und sogar Spiele. Hieraus soll sich ein Netzwerk aus Personen, Unternehmen und Initiativen entwickeln, die die positiven Bilder und Botschaften des neuen Unternehmertums transportieren.

Hellene_Landingpage

„Neben dem Netzwerk und der Botschaft in Zorba the Entrepreneur gibt es eine zweite Säule der Initiative, die um das Thema soziales Unternehmertum und Erzeugung neuer Jobs kreist“, so Stathis weiter. „Unter dem Namen Hellene soll eine Plattform entstehen, die Produkte und Dienstleistungen aus Griechenland positioniert und vermarktet und damit direkt zur Reduktion der Arbeitslosigkeit von Künstlern, Kunstwerkstätten, Handwerkern etc. beiträgt“. Als E-Commerce-Plattform konzipiert soll sie die zentrale Anlaufstelle für Kleinkunst, Handwerk und Kunsthandel aus Griechenland werden. Damit hat sie das Potential, selbst dem kleinsten Teilnehmer persönlich zu helfen, damit auch der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und das „neue unternehmerische Griechenland“ als Gesamtsystem zu fördern.

Im Moment arbeiten Stathis und Sheridan noch im Bootstrapping-Modus, bereiten also die Bestandteile der Initiative mit eigenen Mitteln und mit ihrem Netzwerk vor. In einigen Monaten wollen sie dann über ein Crowdfunding das Fundament setzen und sukzessive über weitere Beteiligte und Investoren die Initiative zu einem Gesamtunternehmen ausbauen.

Ich persönlich finde die Initiative höchst spannend, da sie weit über die Gründung eines Unternehmens hinausgeht und das Unternehmertum mit einer starken sozialen Komponente und Imagekampagne für das ganze Land kombiniert. Nach dem Lebemann und dem Betrüger wird eine neue Inkarnation von Zorbas geschaffen: die des Unternehmers.

Das passt perfekt in die Motivation von mir und diesem Blog. Ich unterstütze Zorbas the Entrepreneur und Hellene gerne und werde sicher noch ein paar Mal über die Entwicklung berichten.

Liebe Frau Dr. Merkel,

wie ich heute über die sozialen Medien und diverse Artikel in griechischen Online-Zeitschriften erfahren habe, war Ihr Besuch in Griechenland und vor allem ihr Gespräch mit den griechischen Startups ein voller Erfolg. Ein tolles Zeichen dafür ist, dass beispielsweise das EMEA-Portal, das sehr viel über Unternehmertum und Startups in Griechenland berichtet, Sie als „Cool Merkel“ bezeichnet (siehe hier) – ein schöner Titel, der Annäherung und Verständigung verheißt.

Ich bin mir sicher, Sie hatten einige sehr interessante Gespräche; die Liste der Startups, die an dem Meeting teilgenommen haben, ist jedenfalls sehr beeindruckend. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es nicht ganz einfach war, sich alle Ideen, Unternehmen und vor allem auch die Namen der Gründer zu merken. Daher habe ich für Sie hier die Liste der Teilnehmer zusammengestellt. Einige von ihnen habe ich zu deutschsprachigen Artikeln von mir verlinkt, über die Sie einen detaillierteren Einblick in die Technologien erhalten.

Ich hoffe, die Informationen sind für Sie hilfreich und vielleicht interessiert Sie ja als Wissenschaftlerin auch das eine oder andere Thema oder Unternehmen besonders.

Über eine Rückmeldung oder einen Kommentar im Blog würde ich mich natürlich außerordentlich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Wassilios Kazakos

Liste der Teilnehmer mit Verlinkung auf die Artikel, die bereits auf Deutsch vorliegen:

  • Nikos Moraitakis: Workable.
  • Vassilis Stoidis: 7Layers.
  • Kostas Mauroskotis: Food Wealth.
  • Jiannis Papadakis: Pollfish.
  • Aggeliki Papagiannopoulou: Offerial.
  • Dimitris Memos: Marine Traffic.
  • Nikolaos Nanas: Noowit.
  • Anthia Vlassopoulou: Athens Insiders.
  • Vassilis Nikolopoulos: Intelen.
  • Giannis Doxaras: Warply.
  • Andreas Fatouros: Clio Muse.
  • Thanos Papageorgiou: Truck Bird.
  • Stelios Bolanos: Planetek Hellas.
  • Christos Chatziapostolakis: Captainwise.
  • Alexandros Melis: Sponsor Boat.
  • Giorgos Balas: Arura Foods.
  • Giorgos Gatos: Incrediblue.
  • Thanos Kosmidis: Care Across.
  • Thomas Douzis: Ergon Products.
  • Konstantinos Kazanis: Intale.

Peekintoo

Der Paradigmenwechsel in den Sozialen Netzwerken wird eingeläutet

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Google+, LinkedIn, Xing und selbst neuere wie Vine, Whatsapp, Snapchat und viele andere folgen alle demselben Grundprinzip: Sie basieren auf einer direkten und persönlichen Verknüpfung juristischer oder echter Personen. Man folgt sich gegenseitig und gibt möglichst viel über sich, seine Präferenzen, seine Meinung und seine Umgebung preis, um den Kreis der Gefolgschaft zu erhöhen. Man könnte auch von Vanity-Netzwerken sprechen, in denen man sich gegenseitig huldigt und durch „Likes“ persönliche Gefälligkeiten verteilt. In Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen fragen, ob sie als Person wirklich alles von sich preisgeben wollen, ergibt sich ein Dilemma: Kann es eine anonyme und doch gleichzeitig öffentliche soziale Interaktion im Netz geben? Kann man überhaupt noch von einem sozialen Netzwerk sprechen, wenn das Netz nicht mehr über die direkte Beziehung zwischen Personen gespannt wird? Was sich wie ein Paradox anhört, versucht das griechische Unternehmen Peekintoo gerade zu lösen. Mit beachtlichen ersten Erfolgen.

Peekintoo_Startseite

Ein Ort verbindet

En wichtiger Treiber für soziale Interaktion ist Sympathie und etwas gemeinsam Erlebtes. Aber oft will man als soziales Wesen auch einfach nur helfen. Wenn die persönliche Bekanntschaft oder Sympathie aus Gründen der Anonymität als verbindendes Element wegfällt, benötigt man einen anderen Verbinder, um überhaupt von einem Netzwerk sprechen zu können. Die drei Gründer von Peekintoo, Yiannis Verginadis, Fotis Paraskevopoulos und Giorgos Tsoukalas, haben sich für das Naheliegende entschieden: Der Ort sowie der Wunsch zu helfen sind bei Peekintoo die verbindenden Elemente. Und wenn man sich das mal genau überlegt, ist der Ort ein extrem guter Verbinder zwischen Menschen: Wir lernen Menschen in Orten kennen, verbinden Erinnerungen mit Orten, wir reisen zu Orten, wir wollen mehr über sie wissen, wir hören von Orten, wir haben Sehnsucht nach Orten, wir freuen oder ärgern uns über Orte, an denen wir gerade sind, wir sind stolz auf unseren Ort und vielleicht träumen wir auch von Orten, an denen wir noch nie waren.

Das Prinzip Peekintoo

Peekintoo (eigentlich „peek into“), also Englisch für „einen kurzer Einblick in etwas erhalten“ oder auch „kurz reinschauen“) ist eine App, die einem kurze Einblicke in die aktuelle Situation in einem Ort seiner Wahl ermöglicht. Peekintoo funktioniert so, dass man über die Karte einen Punkt auswählt und damit den Wunsch äußert, etwas über diesen Ort zu erfahren. Beispiele können Konzerte, Events, Versammlungen oder auch einfach nur touristisches Interesse oder Neugier sein. Ist ein anderer Teilnehmer in der Nähe des gewählten Orts, bekommt er eine Meldung und kann mit der App einen 12 Sekunden langen Film drehen und zusammen mit einem Kommentar veröffentlichen. Keiner der beiden Teilnehmer erfährt voneinander – und Peekintoo auch nicht. Darüber hinaus kann man auch sogenannte Peekshouts absetzen. Wenn man der Welt etwas über den aktuellen Ort zeigen will, einfach den Peek-Knopf etwas länger gedrückt lassen, einen Minifilm drehen und veröffentlichen. Vielleicht interessiert es ja jemanden da draußen, was gerade bei dir los ist.

Reisefieber und die Faszination des Vergänglichen

Ich habe ein bisschen mit der App herumgespielt und mich hat gleich das Reisefieber gepackt. So habe ich mir Peeks in Barcelona vom MWC 2014 angeschaut, bin dann 12 Sekunden durch San Francisco gelaufen und habe mich in eine Faschingsparty in Kalamata gestürzt, um dann zum Abschied noch einen Blick über die Skyline von Hong Kong zu genießen. Letztes Wochenende habe ich selbst meinen ersten Peek abgesetzt, als ich auf Anfrage ein Filmchen von der Lichtentaler-Allee in Baden-Baden vor dem Frieder Burda Museum „gedreht“ habe.

Was einen Teil der Faszination ausmacht, ist, dass alle Videos nur für zwei Stunden zur Verfügung stehen und dann wieder verschwinden. Allerdings kann ihr Leben so lange verlängert werden, wie sich andere für sie interessieren, bis sie irgendwann nicht mehr interessant sind und endgültig von der Plattform entfernt werden – für mich ist Peekintoo fast schon ein Kunstwerk, eine Allegorie für die Schönheit des Moments, aber auch für dessen Vergänglichkeit.

Das Unternehmen und das Geschäftsmodell

Peekintoo ist eine ganz junge Ausgründung aus der Universität Athen. Das Produkt steht in der ersten Version und wurde von Peekintoo ohne Fremdfinanzierung umgesetzt. Im Moment touren die drei griechischen Gründer durch die Lande, um ihre Idee vorzustellen und Meinungen und Ideen zu sammeln. „Der offizielle Start war am 10.12.2013 auf der Konferenz Le Web in Paris. Von den 700 teilnehmenden Startups sind wir bei der Competition gleich unter die 16 Finalisten gekommen, was uns in unserem Ansatz natürlich sehr bestärkt hat“, so Yiannis Verginiadis.

Hier der Vortrag von zwei der drei Gründer auf der Le Web 2013:

Ende Februar waren sie dann noch auf dem MWC 2014 in Barcelona und letzte Woche auf der Konferenz South by Southwest. Ihre Peeks zu den Events kann man übrigens auf Peekintoo ansehen.

Bei aller Schönheit der Idee steckt hinter Peekintoo natürlich auch ein Geschäftsmodell. „Durch die Anonymität und die Entkopplung von persönlichen Beziehungen müssen die üblichen Geschäftsmodelle von sozialen Netzwerken nicht wegfallen“, sagt Yiannis Verginadis. „Sponsoring und Werbung funktioniert auch, ohne die Namen und privaten Details der Benutzer zu kennen“, so Yiannis weiter. Mittelfristig wollen die Unternehmer gezielt gesponserte Peeks versenden, z. B. von Unternehmen, die mit einem bestimmten Ort in Verbindung gebracht werden möchten, oder ein Angebot für einen Ort oder eine Reise dorthin unterbreiten wollen. Darüber hinaus ist Peekintoo auch eine interessante Möglichkeit für Events, sich zu präsentieren und über die 2 Stunden hinaus die Peeks zu einem Event am Leben zu halten – Lebenszeit ist also doch käuflich. „In der Testphase Ende 2013 haben wir beispielsweise den Athen Marathon begleitet und die Peeks, die dort entstanden sind, sind heute noch zu sehen“, erklärt Yannis.

Erste Peeks tauchen auch schon in Deutschland auf und vielleicht informiert man sich in Zukunft über musikalische, sportliche oder auch politische Ereignisse ja nicht nur über die klassischen Medien, sondern indem man einfach mal bei Peekintoo reinschaut, um ein Gefühl für die Situation vor Ort zu bekommen.

Ich wünsche den Gründern viel Erfolg und Peekintoo ein langes Leben mit vielen spannenden Momenten. Sicher werde ich auch weiterhin hier und da Peeks absetzen oder mir selbst anschauen.

Discoveroom

Wiederentdeckung des Besonderen im Urlaub

Mein Großvater stammt aus einem kleinen Ort mit dem Namen Dimitsana im Zentrum von Arkadien. Auf tausend Metern über dem Meeresspiegel hat dieser Ort schon alles miterlebt: In der Antike hieß der Ort noch Teuthis und deren Bewohner haben im trojanischen Krieg gekämpft. Zu Zeiten des römischen Reiches (Byzanz) war Dimitsana ein Ort des Handels und der Klöster, die teilweise bis heute erhalten sind.  Während der osmanischen Herrschaft war der Ort abgelegen genug, um als Zentrum für Lehrer und orthodoxe Priester zu fungieren (mein Urgroßvater war tatsächlich Priester und Gregor der V., einst Patriarch von Konstantinopel stammt ebenfalls aus Dimitsana). Während der griechischen Revolution im 19. Jahrhundert wurde Dimitsana berühmt für die Dynamitherstellung. Danach fing die Landflucht in Arkadien an und als ich Anfang der 1980er Jahre zum ersten Mal selbst in Dimitsana war,  war der Ort wie ausgestorben. Eine steinerne Stadt mitten in den Bergen mit wenigen bewohnten Häusern und vielen Ruinen in einer unvergleichbar malerischen Landschaft – Arkadien eben.

Im Zentrum dieses Ortes steht das Gasthaus Kazakos,  das mit seinen fünf Zimmern im 19. Jahrhundert die Villa der Familie Kazakos war (soweit ich weiß, nicht direkt verwandt) und später eine Grundschule. Warum erzähl ich das alles? Jeder weiß, dass es solche Orte und Hotels gibt und viele wollen genau so etwas im Urlaub finden: Orte mit einer besonderen Tradition und Gasthäuser, die ihre eigene Geschichte erzählen. Versucht man, solche Hotels über Internetportale wie HRS oder Bookings.com zu finden, hat man meistens keine Chance. Inzwischen weiß ich auch, warum.Discoveroom_Startseite

Das Problem: Zu viel Technik, zu hohe Provisionen

Ich weiß nicht, wie das Gasthaus Kazakos das Thema angeht, aber im Gespräch mit Nikos Anagnostou, dem Gründer von Discoveroom, ist mir klar geworden, wo das Problem liegt: „Traditionelle Gasthäuser mit wenig Zimmern fliegen unter dem Radar der großen Computerreservierungssysteme (CRS) oder globalen Distributionssystemen (GDS). Hotels mit 5, 10 oder 20 Zimmern passen nicht in die großen Buchungsinfrastrukturen“. Ich wusste beispielsweise nicht, dass der Großteil aller Buchungen weltweit über die vier großen CRS Amadeus, Galileo, Sabre und Worldspan abgewickelt werden. Dazu kommen Internet-Buchungsseiten wie HRS.com oder Booking.com, die selbst wieder auf die vier Großen zugreifen und um eigene Angebote ergänzen. Für ein kleines Gasthaus ist die Präsenz in diesen internationalen Netzwerken ein Technik-Albtraum. Selbst wenn es die Technik-Hürde überwindet, kostet sie auch noch einen Haufen Geld: Wer will schon 20, 30 oder mehr Prozent seines Umsatzes abgeben, wenn er gerade mal von seinen 5 Zimmer lebt? Das erklärt auch, warum man bei den Buchungsportalen vor allem große Hotels und Ketten findet.

Kostenloses Rundum-Sorglos-Paket für kleine Hotels und Gasthäuser

Das griechische Startup Discoveroom ist angetreten, um eine vollständige Lösung für kleine Hotels und Gasthäuser anzubieten. „Die Grundidee ist, die Hoteliers dort abzuholen, wo sie sind, ihnen also zunächst eine einfach zu bedienende Anwendung anzubieten, über die sie ihre Zimmer verwalten können.“ Die Anwendung ist über Web und über Tablets nutzbar. Da sie kostenlos ist, können Hoteliers damit einfach wie gehabt ihre Reservierungen ablegen und nach freien Zimmern suchen, wenn jemand anruft, etc. Der zweite Teil des Angebots ist ebenfalls kostenlos:  Über das Portal von Discoveroom werden alle beteiligten Hotels gelistet und man kann nach ihnen suchen. Falls gewünscht, kann auch die Buchungen und Abrechnung über Discoveroom durchgeführt werden. Außerdem bietet Discoveroom ein kleines Widget an, das der Hotelbesitzer auf seiner Webseite einbinden kann.

„Das Ziel von Discoveroom ist, den kompletten Prozess im Internet abzubilden, aber nicht aus der Sicht von Reiseportalen, sondern aus der Perspektive der Hoteliers“, so Nikos Anagnostou weiter.

Der Unternehmer und nächste Schritte

Ich habe Nikos Anagnostou vor ein paar Monaten persönlich in Athen kennengelernt. Schon mit seinen 15 Jahren Erfahrung als Berater und Projektleiter bei Oracle und mehreren Jahren als Selbständiger im Bereich der IT-Services fällt er aus dem Rahmen des klassischen Startup-Jungstars. Seine Erfahrung hilft ihm auch, seine Idee systematisch zu verwirklichen. Seit Sommer 2013 arbeitet er nun an Discoveroom und hat eine erste Finanzierung durch den griechischen Open Fund II erhalten. Im Moment läuft die Anwendung in Private Beta, also ist noch nicht für die Öffentlichkeit verfügbar. Aber spätestens zur Sommersaison soll es losgehen.

Dem Erhalt des individuellen und regionalen Charmes von Gasthäusern wird Discoveroom sicher helfen und vielleicht kann man ja in ein paar Jahren auch regionale und besondere Gasthäuser in Usedom oder Wolin, der Heimat meines zweiten Großvaters, über Discoveroom finden und buchen. Ich würde mich freuen.