tape.ly

Die guten alten Mixtapes sind wieder da!

Über Jahrzehnte waren Musikplatten und ihre Cover von einer untrennbar Ästhetik, die den Zeitgeist oder ein persönliches Gefühl ausdrückten. Die Gestaltung von Plattencovern war eine Design-Disziplin für sich und neue Plattencover waren Diskussionsthema und Ausdruck einer Gesamtstimmung und Zugehörigkeit zu einer Gruppe, sei sie sozial oder von einer bestimmten politischen Einstellung geprägt. Damals waren auch die selbstaufgenommenen Kassetten, die man vielleicht seiner Angebeteten schenkte, nichteinfach nur eine „Playlist“. Oft lag ihnen ein Konzept zugrunde, mit dem man versuchte, seine Gefühle zum Ausdruck zu bringen oder die Beschenkte vermittels Musik in eine bestimmte, gemeinsamkeitsstiftende Stimmung zu versetzen – manchmal von Erfolg gekrönt, manchmal auch nicht.

Tapely_Start_me_upMit der Digitalisierung der Musik verschwand sukzessive die Untrennbarkeit von Design und Musik. Die CDs hatten zwar noch etwas Fläche für Bilder, aber das ist schon kein Vergleich mehr zu einem Plattencover. Inzwischen sind auch die CDs quasi verschwunden und in „Playlists“, die über USB-Sticks ausgetauscht oder über die Cloud verwaltet werden, aufgegangen. Das Gleiche gilt für die guten alten Kassetten. Die Sehnsucht aber nach Ausdrucksformen, die Musik, Ästhetik und Botschaft kombinieren, ist geblieben.

Zurück zum Gesamtkunstwerk

Tapely_Startseite

Das griechische Startup tape.ly hat den Bedarf erkannt und möchte den langweiligen Playlists etwas entgegensetzen. Musikauswahl und Musikempfehlungen sollen wieder die dazu passende Ästhetik zurückbekommen. „Wie früher mit gestalteten Kassetten kann jeder Musikfreund nun mit tape.ly sein eigenes Gesamtwerk schaffen und für sich und seine Freunde wieder Musik und Gestaltung kombinieren“, so Alexandros Nikolaidis, der Gründer von tape.ly. „Der große Unterschied zu Playlists von anderen Cloud-Diensten ist, dass der Nutzer nicht nur die Musik auswählt, sondern gleich den ganzen Bildschirm zur Gestaltung nach seinen Vorstellung und seiner Stimmung bekommt“, so Alex weiter. Und das Beste dabei: tape.ly ist komplett kostenlos.

Neben Privatpersonen, die ihren Freunden eine Freude machen wollen, werden immer mehr Medienagenturen auf die Möglichkeiten von tape.ly aufmerksam. „Ich bin selbst überrascht, wie kreativ die Nutzer sind, und freue mich täglich über neue Einsatzgebiete“. So gibt es typische Nutzer aus der Musikbranche, wie Musik-Blogs, die ihre Seiten mit tape.ly anreichern, oder Musiksendungen, die nach einer Sendung die Stücke mit entsprechenden Bilder versehen veröffentlichen. Aber eben auch ein Verlag, der einem Roman Noir ein Jazz-Mixtape beigelegt hat, oder ein Dokumentarfilmer, der eine Dokumentation über die Geschichte des Hip-Hops gedreht und die Musik aus dem Film als Begleitung auf tape.ly gestellt hat. Es gibt auch Professoren, die ihre Musikstudenten bitten, Lieder nach bestimmten Kriterien auszuwählen und über tape.ly bereitzustellen (siehe Kommentar auf Twitter), oder Fotoshootings von Stars, die mit passenden Mixtapes ergänzt werden. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Obwohl der Dienst gerade mal ein paar Monate jung ist, sind die Nutzer bereits extrem kreativ und haben über 15.000 Tapes kreiert. „Dabei hilft natürlich auch der virale Charakter von tapely“, so Alex weiter. Niemand gestaltet ein Tape für sich selbst, sondern immer für andere. Wenn ich mein Tape fertig habe, schicke ich es meinen Freunden oder verbreite es über die sozialen Medien, sodass immer mehr Personen auf tape.ly aufmerksam werden. Inzwischen kann man sein Tape auch in Blogs und Webseiten einbinden.

Mein erstes Tape

Es ist ganz einfach, mit tape.ly seine erstes „Tape“ zu erstellen. Nach der Registrierung über die Webseite erhält man alle Werkzeuge, um Musik auszuwählen und seinem Tape hinzuzufügen und das Cover zu gestalten.

Das kann ich auch, habe ich mir gedacht. Hier also mein erster Versuch. Passend zum Blog ist das Motiv natürlich Griechenland. Allerdings wollte ich jetzt nicht einfach eine Auswahl an griechischer Musik beisteuern. Stattdessen habe ich mich für einen wilden Mix aus Stücken entschieden, die man nicht unbedingt mit Griechenland verbindet, die aber entweder einen griechischen Ursprung haben oder von Griechen neuinterpretiert wurden. Hier meine Auswahl (Auf Bild klicken oder diesem Link folgen: http://tape.ly/eulen-aus-athen) :

Tapely_EulenAusAthen-Mix

  • Jump Around – neu interpretiert von den Noise Only aus Drama
  • Misirlou – bekannt aus dem Film Pulp Fiction, Original von Tetos Demetriades
  • Honeymoon Song – von den Beatles bzw. eigentlich von Mikis Theodorakis
  • Loop de Love – von Juan Bastos. Großer Hit in den 70ern auf der Grundlage eines alten Volksliedes von der Insel Kalymnos
  • Theme from Serpico – Musik des Films Serpico mit Al Pacino und Musik von Theodorakis.
  • I remembered the time – Dirty Three. Original von Spanos und Arleta (http://en.wikipedia.org/wiki/Horse_Stories)
  • Darla Dirladada – noch eine klassische Interpretation von Dalida des Liedes aus Kalymnos. Dieses Mal von Dalida
  • Ein Schiff wird kommen – hier eine Interpretation der Marktmusikanten des Liedes von Manos Hadzidakis (bekannt vor allem über Melina Merkuri und natürlich Lale Andersen)
  • Last but not least: Zorba the Greek – diesmal interpretiert von John Murphy und David Hughes für den Film Bube, Dame, König, Gras (Lock, Stock and Two Smoking Barrells).

Vielen Dank an dieser Stelle auch an meinen Cousin Vassilis Botoulas, der mich auf einige dieser Perlen aufmerksam gemacht hat.

Wie geht es weiter?

Bis vor ein paar Wochen ist Alexandros Nikolaidis mit seinem Team noch ganz ohne Finanzierung ausgekommen. Sie haben die Lösung aufgebaut und waren selbst überrascht über den raschen Erfolg, vor allem auch außerhalb von Griechenland. Nur 5% der Nutzer kommen aus Griechenland. Der Rest aus der ganzen Welt, besonders viele aus den USA und immerhin schon 8% aus Deutschland.

Tapely-Team vor der Akropolis. Ganz rechts Alexandros Nikolaidis

Tapely-Team vor der Akropolis. Ganz rechts Alexandros Nikolaidis

Seit kurzem haben die Firmengründer jetzt eine Finanzierung über den Open Fund gesichert und streben eine schnelle internationale Expansion an. Der Dienst ist komplett kostenlos, sodass sich natürlich die Frage nach dem Geschäftsmodell stellt: Das aktuelle Angebot soll dabei weiterhin kostenlos bleiben und irgendwann durch zusätzlich Werkzeuge für Design und Umsetzung ergänzt werden, die dann kostenpflichtig sind.

Ich bin gespannt, wie es weiter geht, und freue mich täglich über neue „Featured Tapes“: Selbst wer keine Muße hat, eigene Tapes zu erstellen, findet sicher etwas auf tape.ly.

WM-Loch

Der Juni scheint sich bei mir als schreibfauler Monat herauszustellen, wie schon die aussagekräftige Statistik aus dem Jahresrückblick 2013 gezeigt hat. Diesmal habe ich aber eine gute Ausrede: Die WM läuft. Und da geht traditionell nicht viel, außer arbeiten, arbeiten und eben WM (und dazwischen natürlich noch das erstaunlich gute Wetter genießen).

Bei anderen Bloggern habe ich gesehen, dass sie das Thema aufgreifen und halt WM-Spiele analysieren, wie beispielsweise die hervorragenden Fußballanalysen von Gerhard Mersmann. Auch eine Idee. Als Grieche und Deutscher, der in der Nähe der Schweiz und Frankreichs lebt (und irgendwie auch nicht weit von Belgien und Holland), vertrete ich sozusagen Europa bei der WM. Ich muss allerdings auch zugeben, dass ich eine gewisse Sympathie für die Mannschaften vom amerikanischen Kontinent hege, da ich das Gefühl nicht loswerde, dass die gerade das Fußball-Zepter wieder in die Hand genommen haben und dabei sind, eine neue Fußball-Ära einzuleiten (nach dem eher europäischen und irgendwann langweiligen Cartenaccio oder Tiki-Taka). Die Wahrscheinlichkeit, dass ich mit dem Ausgang der WM zufrieden bin und sie mir auch bis zum Schuss anschaue, ist also recht hoch.

Die Tatsache, dass ich bei unserem Firmen-WM-Tippspiel gerade um den Klassenerhalt kämpfe, hilft mir allerdings nicht, mich als Autorität zum Thema Fußball zu positionieren. Immerhin habe ich den Sieg Griechenlands gegen die Elfenbeinküste vorausgesagt (das ist dokumentiert). Aber das liegt vielleicht auch daran, dass ich immer auf Griechenland tippe – und 2004 mit der Strategie auch recht erfolgreich war.

Um dennoch das Thema des Blogs nicht ganz zu verlassen, habe ich noch ein paar Tipps für die Glücklichen, die gerade in Brasilien sind: Taxibeat, die super-coole App, um Taxis nach Fahrern, Autos und anderen Kriterien auszuwählen, gibt es zwar noch nicht in Deutschland, aber dafür in Brasilien. Für die Tage zwischen den Spielen kann ich noch berichten, dass erste Privat-Yachten über Incrediblue auch in Brasilien zu finden sind (die gibt es aber auch in Deutschland). Und ich habe auch schon erste peeks über Peekintoo aus Brasilien entdeckt. Leider noch keine aus einem Stadion. Würde mich freuen.

So schließt sich der Kreis wieder zum Runden im Eckigen.

Kalamata Valley

Eine Tech-Szene im Werden

Ich weiß nicht, wie viele von euch Kalamata kennen oder wer gar schon mal da war. Bekannt sind die Stadt Kalamata und die Region Messinien auf dem Südpeleponnes wegen der Oliven. Als einziges mir bekanntes „Brand“ im Bereich Oliven findet man Kalamata-Oliven und das entsprechende Olivenöl auf der ganzen Welt. Wir haben es sogar einmal in einem kleinen Supermarkt eines verschlafenen Nests in Oregon gefunden. Da meine Eltern dort ein Ferienhaus haben, habe ich das Glück, ab und zu dort meine Ferien zu verbringen – im eigenen Olivenhain, sehr schön! – und bringe uns immer eigenes Olivenöl mit, sehr lecker!

Kalamata_Valley

Dieses Jahr war ich wieder dort und habe mir gedacht, ich schau mir mal die lokale Startup- und Tech-Szene an. In meinen früheren Gesprächen ist mir aufgefallen, dass einige der Gründer, mit denen ich geredet habe, aus Kalamata kommen, wie beispielsweise die Gründer von Locish, Intelen und Peekintoo. Alle drei Startups sind inzwischen mehr in Athen, New York und San Francisco unterwegs, aber dennoch. Ich habe also eine kurze Anfrage in Facebook gepostet und siehe da: Immerhin 7 Namen sind gefallen. Ich habe mich mit einigen getroffen und so einen kleinen Einblick bekommen. Los geht’s:

Events

Einen ersten Impuls zu Organisation der Tech-Szene in Kalamata lieferte Yiorgos Dedes. Er ist selbst ein „Neig‘schmeckter“ und organisiert zusammen mit Panagiotis Lyras und weiteren Freunden das Open Coffee Kalamata. Im Open Coffee, das in Athen, Thessaloniki und anderen griechischen Städten ebenfalls organisiert wird, ist ein inoffizielles Treffen von Startups und Technologiebegeisterten. Das Open Coffee Kalamata hat sich inzwischen etabliert und finden alle 1-2 Monate statt. Yiorgos überlegt gerade, ob er auch hilft, einen Co-Working-Space zu organisieren, einmal für die ansässigen Gründer, aber warum nicht darüber hinaus für Gründer und Entwickler aus der ganzen Welt? Ich kann mir gut verstellen, dass viele gerne eine Zeitlang in einer der schönsten Gegenden der Welt zwischen Meer und Bergen arbeiten würden; vorausgesetzt es gibt WLAN – und das gibt es.

Ein anderes Event, das auch international viel Aufsehen erregt hat, ist das TEDxKalamata. Als Sommerevent konzipiert, findet die Veranstaltung mit internationalen Rednern einmal im Jahr statt – und das Besondere: Es ist weltweit die einzige TEDx-Konferenz, die in der einmaligen Atmosphäre eines antiken Amphitheaters stattfindet (in Messene).

Kochen wie ein Grieche

Ganz bescheiden wirken die beiden Unternehmer Stella Tsala und Konstantinos Kokkorogiannis, die ich im Café getroffen habe. Im Gespräch stellte sich heraus, dass sie das größte Portal und die größte Community mit griechischen Rezepten aufgebaut haben. Sintagespareas.gr beschäftigt inzwischen 20 Mitarbeiter, hat über 17.000 Rezepte und einige Millionen Nutzer. Wen man sich online mit griechischer Küche beschäftigen will, kommt man nicht an den beiden vorbei. Aktuell ist das Portal nur auf Griechisch verfügbar, aber die Vorbereitungen für ihren internationalen Launch laufen. Unter dem Motto „cook like a greek“ wollen sie das zentrale Portal für griechische Küche weltweit werden. Spannend fand ich auch ihren Ansatz zur verteilten Organisation des Unternehmens: Außer den beiden Gründern, die bewusst nach Kalamata gezogen sind, sind alle Mitarbeiter quer über Griechenland und die Welt verteilt – Internet, Skype und Hangouts machen es möglich.

LIA Olivenöl

Bemerkenswert fand ich auch den Ansatz von Cristina Stribacu. Ausgehend von der eigenen Olivenöl-Produktion ihres Bruders ist sie gerade dabei, ein eigenes Label für Olivenöl zu kreieren, einschließlich internationaler Vertriebsnetze über Delikatessläden in der ganzen Welt. Auch wenn Lia kein klassisches Technologie-Startup ist, fand ich doch sehr interessant, wie systematisch und professionell Cristina ihr internationales Geschäft aufbaut. Ausgehend von einem hochqualitativen Öl, verpackt in einem sehr schönen Flacon, geht Lia Olivenöl wie ein Startup vor und durchläuft aktuell das Inkubationsprogramm von Orange Grove. In Paris kann man das Öl schon kaufen. 15 weitere Städte oder Länder sind das Ziel für dieses Jahr. Ich bin gespannt, wann die ersten Delikatessen-Läden in Deutschland Lia-Öl vertreiben werden.

LIA

Organery

Der innovativste Ansatz, den ich in diesen Tagen kennen gelernt habe, kommt von den beiden Gründern von Organery, Yiannis Mourgis und Ippokratis Papadimitrakos. Ein Mülltrennungskonzept mit Kompostierung vor Ort und Gamification-Ansatz. Aber ich will noch nicht zu viel verraten, da ich dazu einen separaten Beitrag verfassen werde.

Gesamteindruck

Zugegebenermaßen ist Kalamata und die Region sicher noch nicht das Tech-Zentrum, das es vielleicht sein könnte. Aber es sind schon mehr Initiativen und Personen aktiv, als man mal eben besuchen kann. Man merkt auch, dass viele, die in der Region verwurzelt sind, oder sich Kalamata zur Wahlheimat gemacht haben, auch dort bleiben wollen. Und sie fangen an, sich zu organisieren. Die ersten Keimzellen sind da, eine Universität und eine Fachhochschule gibt es auch und seit ein paar Jahren sogar einen internationalen Flughafen. Zusammen mit der atemberaubenden Landschaft, dem urbanen Stadtkern und den vielfältigen Freizeitmöglichkeiten in den Bergen und an oder auf der See: ein optimaler Standort für ein „Kalamata Valley“.

Kalamata_Valley_2

Ich bin gespannt, wie sich das weiter entwickelt, und bleibe schon aus persönlichem Interesse sicher dran.

Guinness-Weltrekord für magische Tastatur von Fleksy

In meinem Beitrag vom März 2013 habe ich ja schon das dritte Clarksche Gesetz bemüht, um auf die Magie der Smartphone-Tastatur von Fleksy hinzuweisen. Jetzt ist es auch offiziell: Wie das griechische Portal EMEA berichtet, wurde der Weltrekord im Schnelltippen auf einem Smartphone mit der Tastatur des griechischen Startups Fleksy gebrochen.

Fleksy world record

Es gibt auch schon ein Kurzfilm zum Weltrekord:

Die Nachricht geht gerade um die Welt. Erste Pressstimmen und Infos auf die Schnelle:

Übrigens: Der frühere Weltrekordhalter war kein Geringerer als Microsoft. Das kann ja noch was werden.

Herzlichen Glückwunsch an Ioannis Verdelis und Kostas Eleftheriou. Ich freue mich, dass der Traum, den sie vor über einem Jahr formuliert haben, langsam Realität wird. Und vielleicht hilft der Weltrekord ja auch, auf ein paar andere griechische Startups aufmerksam zu machen.

 

 

Warum Griechenland besser in Form ist als Deutschland

Wenn das mal keine provokante These ist!

Eben hat mich @greekstartups auf Twitter auf einen Beitrag des Blogs Buzzable aufmerksam gemacht:

In dem dazugehörigen Beitrag berichtet Willem Sodderland über seinen Besuch in Athen und versucht, seine These zu belegen. Damit thematisiert Willem etwas, was ich auch schon seit einiger Zeit so empfinde.

Buzzable_Greek

Besser hätte ich das auch nicht formulieren können und ich freue mich, dass das Thema Innovationen aus Griechenland auch international langsam an Fahrt gewinnt.

 

Zorba the Entrepreneur

Über Rebranding und soziales Unternehmertum

Zorba the EntrepreneurEs ist ein seltenes Phänomen, wenn eine fiktive Person aus einem Roman – und vor allem aus einem Film – das Bild eines ganzen Landes so sehr prägt, wie es vielleicht ein paar tausend Jahre Geschichte nicht können. So geschah es mit Alexis Zorbas, der Titelfigur aus dem gleichnamigen Buch von Nikos Kazantzakis, das 1946 erschien und 1964 mit Anthony Quinn verfilmt wurde. Besonders durch den Film ist Alexis Zorbas zum Sinnbild des Griechen geworden, der tanzende Lebemann, den Millionen Touristen Jahr für Jahr auf den griechischen Inseln gesucht haben und in jedem Griechen im Ausland vermeindlich wiederentdeckten.

Was an Klischee kaum noch zu übertreffen ist, aber dennoch jahrelang wohltuend für die Wirtschaft in Griechenland war, wurde mit der internationalen Finanzkriese zum echten Problem. Wie Peter Economidis schon vor zwei Jahren treffend formulierte, wurde der dionysische Lebemann Zorbas, den die Touristen im Urlaub, verkörpert durch Kostas, Yiannis, Nikos oder Giorgos, liebten (auch wenn er ab und zu den Kaffee vielleicht etwas zu teuer verkaufte) plötzlich zum Sinnbild des griechischen Betrügers und Faulenzers. Econimides nannte es, aus Marketingsicht, ein echtes Branding-Problem für ganz Griechenland.

Diese Entwicklung im Kopf, habe ich mich riesig gefreut, als ich von einer Initiative hörte, die den schillernden Namen „Zorba the Entrepreneur“ trägt. Mit dem Image des Griechen-Zorbas spielend geht es um nicht mehr und nicht weniger, als zur Image-Änderung eines ganzen Landes beizutragen, aber eben auch gleichzeitig darum, ein Unternehmen zu schaffen und soziales Unternehmertum zu unterstützen.

Hinter Zorba the Entrepreneur stecken Stathis Kassios, ein Grieche, der nach seinem Studium in Schweden mitten in der Krise zurück nach Griechenland kam, und Sheridan Tatsuno, ein Silicon-Valley-Unternehmer, Drehbuchautor und Philhellene. Wie mir Stathis erklärt, besteht die Initiative aus drei Teilen: „Sheridan Tatsuno schreibt gerade ein Drehbuch, das die fiktive Geschichte eines Diaspora-Griechen erzählt, der zurück nach Griechenland kommt, um ein Unternehmen zu gründen“. Das Thema ist als Transmedia-Projekt aufgesetzt, soll also die Geschichte über unterschiedliche Medienarten erzählen, vom Film über Soziale Medien und sogar Spiele. Hieraus soll sich ein Netzwerk aus Personen, Unternehmen und Initiativen entwickeln, die die positiven Bilder und Botschaften des neuen Unternehmertums transportieren.

Hellene_Landingpage

„Neben dem Netzwerk und der Botschaft in Zorba the Entrepreneur gibt es eine zweite Säule der Initiative, die um das Thema soziales Unternehmertum und Erzeugung neuer Jobs kreist“, so Stathis weiter. „Unter dem Namen Hellene soll eine Plattform entstehen, die Produkte und Dienstleistungen aus Griechenland positioniert und vermarktet und damit direkt zur Reduktion der Arbeitslosigkeit von Künstlern, Kunstwerkstätten, Handwerkern etc. beiträgt“. Als E-Commerce-Plattform konzipiert soll sie die zentrale Anlaufstelle für Kleinkunst, Handwerk und Kunsthandel aus Griechenland werden. Damit hat sie das Potential, selbst dem kleinsten Teilnehmer persönlich zu helfen, damit auch der Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken und das „neue unternehmerische Griechenland“ als Gesamtsystem zu fördern.

Im Moment arbeiten Stathis und Sheridan noch im Bootstrapping-Modus, bereiten also die Bestandteile der Initiative mit eigenen Mitteln und mit ihrem Netzwerk vor. In einigen Monaten wollen sie dann über ein Crowdfunding das Fundament setzen und sukzessive über weitere Beteiligte und Investoren die Initiative zu einem Gesamtunternehmen ausbauen.

Ich persönlich finde die Initiative höchst spannend, da sie weit über die Gründung eines Unternehmens hinausgeht und das Unternehmertum mit einer starken sozialen Komponente und Imagekampagne für das ganze Land kombiniert. Nach dem Lebemann und dem Betrüger wird eine neue Inkarnation von Zorbas geschaffen: die des Unternehmers.

Das passt perfekt in die Motivation von mir und diesem Blog. Ich unterstütze Zorbas the Entrepreneur und Hellene gerne und werde sicher noch ein paar Mal über die Entwicklung berichten.

Liebe Frau Dr. Merkel,

wie ich heute über die sozialen Medien und diverse Artikel in griechischen Online-Zeitschriften erfahren habe, war Ihr Besuch in Griechenland und vor allem ihr Gespräch mit den griechischen Startups ein voller Erfolg. Ein tolles Zeichen dafür ist, dass beispielsweise das EMEA-Portal, das sehr viel über Unternehmertum und Startups in Griechenland berichtet, Sie als „Cool Merkel“ bezeichnet (siehe hier) – ein schöner Titel, der Annäherung und Verständigung verheißt.

Ich bin mir sicher, Sie hatten einige sehr interessante Gespräche; die Liste der Startups, die an dem Meeting teilgenommen haben, ist jedenfalls sehr beeindruckend. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es nicht ganz einfach war, sich alle Ideen, Unternehmen und vor allem auch die Namen der Gründer zu merken. Daher habe ich für Sie hier die Liste der Teilnehmer zusammengestellt. Einige von ihnen habe ich zu deutschsprachigen Artikeln von mir verlinkt, über die Sie einen detaillierteren Einblick in die Technologien erhalten.

Ich hoffe, die Informationen sind für Sie hilfreich und vielleicht interessiert Sie ja als Wissenschaftlerin auch das eine oder andere Thema oder Unternehmen besonders.

Über eine Rückmeldung oder einen Kommentar im Blog würde ich mich natürlich außerordentlich freuen.

Mit freundlichen Grüßen

Dr. Wassilios Kazakos

Liste der Teilnehmer mit Verlinkung auf die Artikel, die bereits auf Deutsch vorliegen:

  • Nikos Moraitakis: Workable.
  • Vassilis Stoidis: 7Layers.
  • Kostas Mauroskotis: Food Wealth.
  • Jiannis Papadakis: Pollfish.
  • Aggeliki Papagiannopoulou: Offerial.
  • Dimitris Memos: Marine Traffic.
  • Nikolaos Nanas: Noowit.
  • Anthia Vlassopoulou: Athens Insiders.
  • Vassilis Nikolopoulos: Intelen.
  • Giannis Doxaras: Warply.
  • Andreas Fatouros: Clio Muse.
  • Thanos Papageorgiou: Truck Bird.
  • Stelios Bolanos: Planetek Hellas.
  • Christos Chatziapostolakis: Captainwise.
  • Alexandros Melis: Sponsor Boat.
  • Giorgos Balas: Arura Foods.
  • Giorgos Gatos: Incrediblue.
  • Thanos Kosmidis: Care Across.
  • Thomas Douzis: Ergon Products.
  • Konstantinos Kazanis: Intale.

Das Griechenland der Startups

Griechenland-BlogVon einem Freund und Blog-Follower (übrigens ein Deutscher, der in Griechenland lebt und arbeitet) bin ich heute auf einen Beitrag aufmerksam gemacht worden, den ich euch nicht vorenthalten wollte. Das Griechenland-Blog ist ein Blog, das seit 2009 kontinuierlich aus Griechenland und über Griechenland auf Deutsch berichtet. Es greift dabei auf aktuelle Nachrichten und Meldungen zurück oder kommentiert selbst das Geschehen in Griechenland im Allgemeinen. Immer auf Deutsch. Wie auch die Griechenland-Zeitung richtet es sich an die vielen tausend Deutschen, die in Griechenland leben und arbeiten, und an alle Deutschsprachigen weltweit, die wissen wollen, was in Griechenland gerade los ist.

Mit dem heutigen Beitrag “Das Griechenland der Startups” fasst es die Themen zusammen, die in den letzten Wochen und Monaten durch die griechischen Zeitungen gegangen sind. Das Thema Startups ist dort sehr heiß und wie ihr ja von mir wisst, passiert dort einiges, was auch über Griechenland hinaus interessant ist. Im konkreten Beitrag werden unter anderem auch die aus diesem Blog bekannten Startups Workable, Taxibeat und Bugsense genannt.

Hier gehts zum Beitrag: http://www.griechenland-blog.gr/2014/03/das-griechenland-der-startups/100493/

Der Titel des Beitrags hätte auch von mir kommen können. Es gibt viel zu berichten und ich freue mich, wenn die Special-Interest-Themen meines Blogs in breiteren deutschsprachigen Medien ihren Platz finden.

Danke an das Griechenland-Blog für die Nennung von Eulen aus Athen als eine der Quellen.

Peekintoo

Der Paradigmenwechsel in den Sozialen Netzwerken wird eingeläutet

Soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Google+, LinkedIn, Xing und selbst neuere wie Vine, Whatsapp, Snapchat und viele andere folgen alle demselben Grundprinzip: Sie basieren auf einer direkten und persönlichen Verknüpfung juristischer oder echter Personen. Man folgt sich gegenseitig und gibt möglichst viel über sich, seine Präferenzen, seine Meinung und seine Umgebung preis, um den Kreis der Gefolgschaft zu erhöhen. Man könnte auch von Vanity-Netzwerken sprechen, in denen man sich gegenseitig huldigt und durch „Likes“ persönliche Gefälligkeiten verteilt. In Zeiten, in denen sich immer mehr Menschen fragen, ob sie als Person wirklich alles von sich preisgeben wollen, ergibt sich ein Dilemma: Kann es eine anonyme und doch gleichzeitig öffentliche soziale Interaktion im Netz geben? Kann man überhaupt noch von einem sozialen Netzwerk sprechen, wenn das Netz nicht mehr über die direkte Beziehung zwischen Personen gespannt wird? Was sich wie ein Paradox anhört, versucht das griechische Unternehmen Peekintoo gerade zu lösen. Mit beachtlichen ersten Erfolgen.

Peekintoo_Startseite

Ein Ort verbindet

En wichtiger Treiber für soziale Interaktion ist Sympathie und etwas gemeinsam Erlebtes. Aber oft will man als soziales Wesen auch einfach nur helfen. Wenn die persönliche Bekanntschaft oder Sympathie aus Gründen der Anonymität als verbindendes Element wegfällt, benötigt man einen anderen Verbinder, um überhaupt von einem Netzwerk sprechen zu können. Die drei Gründer von Peekintoo, Yiannis Verginadis, Fotis Paraskevopoulos und Giorgos Tsoukalas, haben sich für das Naheliegende entschieden: Der Ort sowie der Wunsch zu helfen sind bei Peekintoo die verbindenden Elemente. Und wenn man sich das mal genau überlegt, ist der Ort ein extrem guter Verbinder zwischen Menschen: Wir lernen Menschen in Orten kennen, verbinden Erinnerungen mit Orten, wir reisen zu Orten, wir wollen mehr über sie wissen, wir hören von Orten, wir haben Sehnsucht nach Orten, wir freuen oder ärgern uns über Orte, an denen wir gerade sind, wir sind stolz auf unseren Ort und vielleicht träumen wir auch von Orten, an denen wir noch nie waren.

Das Prinzip Peekintoo

Peekintoo (eigentlich „peek into“), also Englisch für „einen kurzer Einblick in etwas erhalten“ oder auch „kurz reinschauen“) ist eine App, die einem kurze Einblicke in die aktuelle Situation in einem Ort seiner Wahl ermöglicht. Peekintoo funktioniert so, dass man über die Karte einen Punkt auswählt und damit den Wunsch äußert, etwas über diesen Ort zu erfahren. Beispiele können Konzerte, Events, Versammlungen oder auch einfach nur touristisches Interesse oder Neugier sein. Ist ein anderer Teilnehmer in der Nähe des gewählten Orts, bekommt er eine Meldung und kann mit der App einen 12 Sekunden langen Film drehen und zusammen mit einem Kommentar veröffentlichen. Keiner der beiden Teilnehmer erfährt voneinander – und Peekintoo auch nicht. Darüber hinaus kann man auch sogenannte Peekshouts absetzen. Wenn man der Welt etwas über den aktuellen Ort zeigen will, einfach den Peek-Knopf etwas länger gedrückt lassen, einen Minifilm drehen und veröffentlichen. Vielleicht interessiert es ja jemanden da draußen, was gerade bei dir los ist.

Reisefieber und die Faszination des Vergänglichen

Ich habe ein bisschen mit der App herumgespielt und mich hat gleich das Reisefieber gepackt. So habe ich mir Peeks in Barcelona vom MWC 2014 angeschaut, bin dann 12 Sekunden durch San Francisco gelaufen und habe mich in eine Faschingsparty in Kalamata gestürzt, um dann zum Abschied noch einen Blick über die Skyline von Hong Kong zu genießen. Letztes Wochenende habe ich selbst meinen ersten Peek abgesetzt, als ich auf Anfrage ein Filmchen von der Lichtentaler-Allee in Baden-Baden vor dem Frieder Burda Museum „gedreht“ habe.

Was einen Teil der Faszination ausmacht, ist, dass alle Videos nur für zwei Stunden zur Verfügung stehen und dann wieder verschwinden. Allerdings kann ihr Leben so lange verlängert werden, wie sich andere für sie interessieren, bis sie irgendwann nicht mehr interessant sind und endgültig von der Plattform entfernt werden – für mich ist Peekintoo fast schon ein Kunstwerk, eine Allegorie für die Schönheit des Moments, aber auch für dessen Vergänglichkeit.

Das Unternehmen und das Geschäftsmodell

Peekintoo ist eine ganz junge Ausgründung aus der Universität Athen. Das Produkt steht in der ersten Version und wurde von Peekintoo ohne Fremdfinanzierung umgesetzt. Im Moment touren die drei griechischen Gründer durch die Lande, um ihre Idee vorzustellen und Meinungen und Ideen zu sammeln. „Der offizielle Start war am 10.12.2013 auf der Konferenz Le Web in Paris. Von den 700 teilnehmenden Startups sind wir bei der Competition gleich unter die 16 Finalisten gekommen, was uns in unserem Ansatz natürlich sehr bestärkt hat“, so Yiannis Verginiadis.

Hier der Vortrag von zwei der drei Gründer auf der Le Web 2013:

Ende Februar waren sie dann noch auf dem MWC 2014 in Barcelona und letzte Woche auf der Konferenz South by Southwest. Ihre Peeks zu den Events kann man übrigens auf Peekintoo ansehen.

Bei aller Schönheit der Idee steckt hinter Peekintoo natürlich auch ein Geschäftsmodell. „Durch die Anonymität und die Entkopplung von persönlichen Beziehungen müssen die üblichen Geschäftsmodelle von sozialen Netzwerken nicht wegfallen“, sagt Yiannis Verginadis. „Sponsoring und Werbung funktioniert auch, ohne die Namen und privaten Details der Benutzer zu kennen“, so Yiannis weiter. Mittelfristig wollen die Unternehmer gezielt gesponserte Peeks versenden, z. B. von Unternehmen, die mit einem bestimmten Ort in Verbindung gebracht werden möchten, oder ein Angebot für einen Ort oder eine Reise dorthin unterbreiten wollen. Darüber hinaus ist Peekintoo auch eine interessante Möglichkeit für Events, sich zu präsentieren und über die 2 Stunden hinaus die Peeks zu einem Event am Leben zu halten – Lebenszeit ist also doch käuflich. „In der Testphase Ende 2013 haben wir beispielsweise den Athen Marathon begleitet und die Peeks, die dort entstanden sind, sind heute noch zu sehen“, erklärt Yannis.

Erste Peeks tauchen auch schon in Deutschland auf und vielleicht informiert man sich in Zukunft über musikalische, sportliche oder auch politische Ereignisse ja nicht nur über die klassischen Medien, sondern indem man einfach mal bei Peekintoo reinschaut, um ein Gefühl für die Situation vor Ort zu bekommen.

Ich wünsche den Gründern viel Erfolg und Peekintoo ein langes Leben mit vielen spannenden Momenten. Sicher werde ich auch weiterhin hier und da Peeks absetzen oder mir selbst anschauen.

Aufbruchsstimmung in der „Digitalen Welt“

Einige „Eulen aus Athen“ in der Zeitschrift „Digitale Welt“

Letzte Woche kam die erste Ausgabe der Zeitschrift „Digitale Welt“ heraus. Es ist eine neue Zeitschrift, die in Kooperation mit der Gesellschaft für Informatik erscheint, quasi dem Dachverband der Informatiker in Deutschland mit ca. 20.000 Mitgliedern. Sie wird an die Mitglieder verschickt, kann aber auch am Kiosk gekauft werden.

Besonders freut mich, dass es in dieser historischen Erstausgabe mein Beitrag zu Startups aus Griechenland auf die Titelseite geschafft hat. Mir ist es nicht leicht gefallen, eine Auswahl zu treffen, da ich inzwischen auch das ganze Heft hätte füllen können. Also habe ich mich, nach einem Schnelldurchlauf durch die Szene, auf vier Startups konzentriert, die für die Leser hoffentlich auch unter dem Gesichtspunkt der Informationstechnologie interessant sind:

  • NOOWIT – das personalisierte Magazin
  • Jupitee – Apps für Jedermann
  • Fleksy – Intelligente Tastaturen
  • Intelen – Energieeffiziente Gebäude

Genannt werden noch Taxibeat, tradeNOW und i-kiosk.

Einen gewissen Charme hat der Anachronismus: Die „Digitale Welt“ erscheint nur analog (also auf Papier).

Viel Spaß bei der Lektüre!