mist.io

Die Wolkenverwalter

Es gibt wenig Trends in der Informatik, die eine so große Diskussion, Verwirrung und so viele Ängste hervorgerufen haben, wie Cloud Computing. Bereits 2009 thronte die Wolke ganz oben auf dem Gartner-Hype-Cycle, als einer der Megatrends. Thomas Berbner vom NDR riet 2011 noch dazu, „die Datenwolke möglichst klein zu halten“ (Tagesschau, 01.03.2011, ab 22:23 Min.). Aber aller Warnungen und Ängste zum Trotz kenne ich niemanden, der ernsthaft sein Verhalten geändert hat – die Verlockung durch die Vorteile der Cloud für Privatnutzer mit Facebook, Twitter, Google und das Effizienzversprechen für Unternehmen ist einfach zu groß. Übrigens läuft auch dieses Blog über WordPress.com und ist damit irgendwo in der Wolke.

Betrachtet man das Ganze etwas nüchterner, ist Cloud-Computing nichts anderes als das Speichern von Daten und das Ausführung von Programmen in einem Rechenzentrum, also nicht lokal auf dem eigenen Computer oder Server (wer es genauer wissen will, dem empfehle ich wie immer Wikipedia). Es ist etwas unklar, wer die Idee als Erster hatte, aber sie wird einem J.R.C. Licklider zugeschrieben, der 1963 (!) in einem Memo über das „Intergalactic Computer Network“ etwas beschrieben hat, das recht nah an die Idee des Cloud-Computing kommt. Danach ist wohl irgendjemand auf die Idee gekommen, erst das Telefonnetz und dann das Internet als Wolke darzustellen. Für Informatiker meiner Generation war es üblich, eine Wolke zu zeichnen, wenn man in einer Graphik ein Symbol für das Internet brauchte (ich habe leider keine Folien von mir mehr aus den 1990ern gefunden, aber einen Vortrag aus dem Jahr 2001. Auf Folie 3 seht ihr das Internet als Wolke). Insofern fand ich den Begriff Cloud-Computing als „Rechnen im Internet“ oder „Rechnen in der Wolke“ immer ganz einleuchtend und habe mir erst heute beim Schreiben mehr Gedanken zur Begriffsentstehung gemacht.

mistio_Startseite

Aber zum Thema: Eigentlich müsste man heute von „Clouds-Computing“ (Plural) sprechen, da keineswegs alle Daten und Prozesse in einem Rechenzentrum auf einer Plattform laufen. Schon im privaten Bereich ist das so (meine Daten liegen mindestens bei Google, Facebook, Twitter, Dropbox, WordPress und wer weiß wo noch verteilt) und erst recht bei größeren Unternehmen und IT-Infrastrukturen. Es gibt Anbieter von Public Clouds, wie Amazon oder Microsoft, Anbieter von Software für Private Clouds, wie OpenStack oder VMWare und inzwischen werden Anwendungen auch paketiert in sogenannten Containern und können in unterschiedlichen Clouds ausgeführt werden. Insgesamt ein großer Wirrwarr an Anwendungen und Ausführungsorten, der jedoch vermutlich systemimmanent ist, also nicht zu vermeiden.

Die beste Lösung zur Beherrschung des Cloud-Wirrwarrs

Und hier setzt das griechische Startup mist.io an. Das Unternehmen mist.io entwickelt eine Plattform zur Verwaltung von Cloud-Lösungen mit einem besonderen Schwerpunkt darauf, ein einfaches und überall zugängliches Werkzeug zu schaffen, um der Heterogenität und Verteiltheit von Cloud-Lösungen Herr zu werden. Damit wendet sich mist.io natürlich vor allem an IT-Berater und Administratoren von solchen Infrastrukturen. Um das etwas plastischer zu machen, sei hier die amerikanische Organisation PCCC (http://boldprogressives.org/) genannt, die primär im Umfeld der Demokraten Polit-Kampagnen organisiert und inzwischen Kunde von mist.io ist. Die technische Herausforderung solcher Kampagnen besteht darin, in kürzester Zeit IT-Infrastrukturen hochzuziehen, mit der die Organisation eine Kampagne durchführen kann. Um nicht immer alles beim gleichen Cloud-Anbieter machen zu müssen und damit in eine Abhängigkeit zu geraten, hat PCCC mit mist.io eine Abstraktionsschicht geschaffen, die es ihnen erlaubt, für jede Kampagne die Infrastruktur schnell hochzuziehen, abzubauen und woanders erneut hochzuziehen.

Ein anderes schönes Beispiel ist das Europäische Parlament höchstselbst. Über die Jahre wurden unterschiedliche Technologien für die IT-Infrastruktur genutzt. Erst auf Basis von Solaris, dann VMWare, jetzt OpenStack. Da mit jedem Wechsel und jeder Neuerung die alten Systeme weiter bestehen bleiben und nur langsam auslaufen, nutzt das Europäische Parlament mist.io, um für die Administratoren die Brücke zu schlagen und eine einheitliche Oberfläche und Verwaltung für alle Systeme zu schaffen.

„Es gibt immer mehr Gründe, Daten und Anwendungen in unterschiedlichen Clouds abzulegen. Natürlich versuchen die Anbieter großer Cloud-Lösungen, die Kunden an sich zu binden, aber die Kunden mögen die totale Abhängigkeit selten. Auch ist es bei großen Organisationen quasi unumgänglich, dass sie mehrere Lösungen haben“, so Dimitris Moraitis, Gründer CTO von mist.io im Gespräch. „Der Nachteil beim Einsatz mehrerer Cloud-Lösungen ist, dass man die Möglichkeit einer zentralen und einheitlichen Verwaltung verliert.“ Und genau dafür gibt es mist.io.

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Die Gründer und das Unternehmen

Das griechische Startup mist.io wurde von Chris Psaltis, Dimitris Moraitis, Markos Gogoulas und Mike Mouzourakis 2012 gegründet. Sie haben vorher schon in dem Bereich als Berater gearbeitet und haben, wie viele andere in diesem Umfeld, nach einer Lösung gesucht, mit der sich heterogene Infrastrukturen verwalten lassen. 2012 haben sie dann selbst einen Prototyp entwickelt und sind in den USA auf Tour gegangen. Den Anfang machte ein Accelerator aus Kalifornien (WebForward von Mozilla) und eine kleine Investition aus den USA. Inzwischen haben sie eine zweite Investitionsrunde vom griechischen PJ Catalyst Fund, sind profitabel und stellen inzwischen ungefähr einen Mitarbeiter pro Monat ein.

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Übrigens: die Software ist zu sehr großen Teilen Open Source und frei zu nutzen (https://github.com/mistio/mist.io). Geld verdient mist.io mit Beratung und der Bereitstellung als Software as a Service, in der neben den Standardmodulen noch ein paar zusätzliche Funktionen für Professional Services“ enthalten sind.

Ein Gedanke zu „mist.io

  1. Mir kommt das Bild von Zeus, dem obersten Wolkenverwalter: die bedeutenden Götter parken ihre Limousinen auf diversen „privaten“ Wolken. Die großen allgemein zugänglichen Wolken sind Parkplätze für das Populo wie unsereinen. Um sich in dem Wolkengewusel zurechtzufinden, ruft man nach oben: „Mist Io hilf“! Und schon landet man bei der richtigen Wolke, auf der man seinen Karren geparkt hat und kann seine Daten abholen. 🙂

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